Das Rote Kreuz in Haiti     (Frankfurter Rundschau vom 25.02.2010) Joachim Gardemann, 55, ist Facharzt für Kinderheilkunde. Seit 15 Jahren ist er für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) als internationaler Katastrophenhelfer im Einsatz. 2008 in China war er erstmals Leiter des mobilen Hospitals des DRK. Am Sonntag kehrten er und sein Team aus Haiti zurück. Der vierfache Familienvater lebt in Münster, wo er an der FH Humanmedizin und Katastrophenhilfe unterrichtet. Die deutsche Hilfsorganisation will den Menschen in Haiti noch lange helfen. Das Rote Kreuz betreibt in Carrefour nahe der Hauptstadt Port-au-Prince das größte Krankenhaus der Katastrophenregion. In der Klinik engagieren sich rund 80 ausländische und 200 lokale Helfer. Sie versorgen bis zu 400 Patienten täglich. Eine erste Bilanz zog das DRK während einer Pressekonferenz am Mittwoch in Münster. Bisher seien in der Feldklinik gut 4000 Patienten behandelt worden. Weil im Karibikstaat bald die Regensaison mit Wirbelstürmen beginnt, plant das Rote Kreuz einen Neubau oder den Einzug in ein leerstehendes Gebäude. Neuesten Angaben der UN zufolge sind beim Erdbeben in Haiti 222.517 Menschen ums Leben gekommen. Damit widersprachen das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten und der haitianische Zivilschutz am Mittwoch Schätzungen vom Wochenende, nach denen in Haiti bis zu 300.000 Personen getötet worden seien. Nach der neuesten Zählung wurden 310.900 verletzt. (boh/dpa) Interview mit Joachim Gardemann  "Das kann man sich nicht vorstellen!" Professor Gardemann, Sie haben als Mediziner in vielen Katastrophengebieten gearbeitet und sind jetzt nach vier Wochen aus Haiti zurückgekehrt. Wie haben Sie diesen Einsatz erlebt? Haiti war der zweitschlimmste Einsatz meines Lebens. Das war für mich schlimmer als der Tsunami in Südostasien oder die Erdbeben im Iran, in China oder mein Einsatz nach dem Krieg im Kosovo. Nur Ruanda war noch schlimmer. Was unterscheidet Haiti von anderen Katastrophengebieten? Es ist dieses Arbeiten im Zustand des völligen Chaos. Auch nach Wochen noch. In Haiti gibt es praktisch keine funktionierende staatliche Struktur, das war mir vorher nicht so bewusst. Jede Besorgung war ein Abenteuer, einen Kanister Diesel oder eine Blutkonserve zu holen, das dauerte einen ganzen Tag. Also regiert sechs Wochen nach dem Beben weiterhin das Chaos? Ja. In den Medien werden vor allem die Erdbebenopfer erwähnt, um die wir uns hauptsächlich kümmern sollen. Aber schon Ende Januar überwog die Gruppe der Alltagspatienten, Menschen mit chronischen Krankheiten, mit Tumoren, Frauen mit Brustkrebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium. Das kann man sich nicht vorstellen! All das zeigt, dass es in Haiti auch vor dem Beben keinerlei funktionierende medizinische Infrastruktur gab. Wir mussten auch sehr viele unterernährte Kinder versorgen, in einem Ausmaß, wie ich es bisher nur im Sudan erlebt habe. Das ist keine Folge des Erdbebens, das gab es schon vorher. Aber wer vorher schon gehungert hat, stirbt nach dem Beben auch als erster. Was müsste Ihrer Ansicht nach jetzt unternommen werden, um die Situation vor Ort nachhaltiger zu verbessern? Wir müssen nach wie vor die akuten Fälle behandeln. Wir müssen aber vor allem die medizinische Grundversorgung in Haiti sicherstellen, denn wir sind derzeit das bestfunktionierende Krankenhaus in ganz Haiti. Viele Hilfsorganisationen ziehen sich nach vier bis sechs Wochen zurück. Wir sind tatsächlich das einzige Krankenhaus, das längerfristig vor Ort bleibt - und das muss auch sein. Es gibt zum Beispiel viele Querschnittsgelähmte jetzt. Die können wir ja nicht nicht nach zwei Wochen einfach so entlassen. Es ist auch nicht damit getan, dass man ein zerschmettertes Bein amputiert, später müssen Chirurgen den Stumpf herrichten, damit eine Prothese angepasst werden kann. Da ist noch jede Menge zu tun, bis in Haiti ein funktionierendes Gesundheitssystem aufgebaut ist. Wie lange wird das dauern? Wir richten uns auf eine monatelange, wenn nicht jahrelange Präsenz in Haiti ein, denn wir können hier nicht in so einem Maße auf einheimisches Personal setzen wie wir das in anderen Ländern konnten. Warum nicht? Es gibt hier zwar Ärzte, die sehr gut ausgebildet sind. Aber eben nur sehr wenige. Und in der Verwaltung stimmt es vorne und hinten nicht.